Postmigrantische Gesellschaft: Zugehörigkeit in Österreich neu denken
Ein Gastbeitrag von Marlen Schiefer und Luca Obermann
Österreich ist ein Land, das bis heute stark von Migration geprägt ist. Schon seit dem 19. Jahrhundert beeinflussen Zuwanderungen aus verschiedenen Regionen das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Gefüge des Landes. Die Vorstellung, Migration sei ein vorübergehendes Phänomen, wird dabei zunehmend überholt. Stattdessen leben bereits zahlreiche Menschen mit Migrationsgeschichte seit Generationen hier, und ihre Vielfalt macht die Gesellschaft komplexer und dynamischer.
Was bedeutet „postmigrantische Gesellschaft“?
Wenn wir von einer „postmigrantischen Gesellschaft“ sprechen, geht es um einen tiefgreifenden Perspektivwechsel im gesellschaftlichen Selbstverständnis von Migration, der auch für Österreich eine zentrale Rolle spielt. Denn historisch betrachtet war Österreich schon seit dem 19. Jahrhundert ein Einwanderungsland1 Bis heute dreht sich die öffentliche Debatte jedoch vor allem darum, ob Migration überhaupt stattfindet und wie sie zu bewerten ist. Die postmigrantische Perspektive geht einen Schritt weiter: Sie versteht Migration nicht als Ausnahme, sondern als dauerhafte Realität, die unsere Gesellschaft tiefgreifend prägt.
Heute stellt sich daher nicht mehr die Frage, ob Migration existiert, sondern wie wir mit den Herausforderungen von Zugehörigkeit, Anerkennung und Teilhabe umgehen. Für Österreich bedeutet das, über starre Kategorien wie „Migrant*innen“ und „Einheimische“ hinauszudenken. Denn Zugehörigkeit ist kein statischer Zustand, sondern dynamisch und vielschichtig. Menschen können gleichzeitig mehreren kulturellen, sozialen oder religiösen Gruppen angehören und daraus unterschiedliche Lebensentwürfe entwickeln.
Eine postmigrantische Gesellschaft ist damit immer auch eine Aushandlungsgesellschaft. Sie lebt davon, dass alle gesellschaftlichen Gruppen in politische und kulturelle Prozesse einbezogen werden und dass Vielfalt nicht als Problem, sondern als Ressource für Demokratie verstanden wird. Gerade in Österreich mit seiner langen Migrationsgeschichte wird deutlich, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht durch Homogenität entsteht, sondern durch den gleichberechtigten Umgang mit Unterschieden.2
Gleichzeitig zeigt ein Blick auf die aktuellen Migrationsdebatten, dass diese Perspektive noch längst nicht selbstverständlich ist. Oft dominieren weiterhin Narrative von „Integration“ oder Vorstellungen einer klaren Trennung zwischen „Einheimischen“ und „Zugewanderten“. Die Idee der postmigrantischen Gesellschaft fordert daher nicht nur ein neues Verständnis, sondern auch ein Umdenken in Politik, Medien und Alltag, hin zu einer pluralen Demokratie, die Vielfalt als Normalität begreift.
Das normative Paradoxon: Demokratie und Ungleichheit

Arbeitslosenquote von Einheimischen und Migrant*innen in Österreich 2024, © Statistik Austria, 2025, unter: https://www.statistik.at/fileadmin/publications/Migration-Integration_2025.pdf
Das „normative Paradoxon“ beschreibt die Spannung in einer pluralen Demokratie wie Österreich. Einerseits garantiert sie Gleichheit und Teilhabe für alle, andererseits erfahren viele Menschen mit Migrationsgeschichte weiterhin Ausgrenzung und Diskriminierung. Die Gesellschaftswissenschaftlerin Naika Foroutan betont, dass rechtliche Gleichstellung allein nicht ausreicht. Anerkennung hängt ebenso von kulturellen, sozialen und symbolischen Faktoren ab, also davon, ob Menschen sich tatsächlich als Teil der Gesellschaft fühlen können.
Ein Beispiel liefert der Arbeitsmarkt 2024. Die Arbeitslosenquote von Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit lag bei 10,6 Prozent, während sie bei österreichischen Staatsbürger*innen 5,7 Prozent betrug. Besonders von Arbeitslosigkeit betroffen waren Menschen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak mit 31,3 Prozent.3 Dieses Gefälle zeigt, dass rechtliche Gleichstellung strukturelle Benachteiligungen und diskriminierende Praktiken nicht ausgleicht.
Anerkennung ist daher nicht nur juristisch, sondern tief in kulturellen und sozialen Ungleichheiten verwurzelt. Migration wird oft mit Zuschreibungen und Stigmatisierungen verknüpft, die echte Zugehörigkeit erschweren. Gleichzeitig wächst die gesellschaftliche Anerkennung kultureller Vielfalt, doch Ängste vor „Überfremdung“ oder dem Verlust einer homogenen nationalen Identität bleiben weiterhin bestehen.
Diese Spannungen spiegeln sich auch in Debatten über Integration, Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit wider. Konfliktlinien verlaufen heute nicht mehr nur zwischen „Einheimischen“ und „Migrant*innen“, sondern zwischen Kräften, die Pluralität und Inklusion fördern, und jenen, die Abgrenzung betonen. Postmigrantische Gesellschaften sind keine Krisenräume, sondern Orte demokratischer Erneuerung. Plurale Demokratie ist kein fertiges Modell, sondern eine dauerhafte Aufgabe, die immer wieder neu verhandelt werden muss, damit Gleichheit und Teilhabe für alle Realität werden.
Die Herausforderung einer postmigrantischen Gesellschaft
Die zentrale Aufgabe einer postmigrantischen Gesellschaft besteht darin, das demokratische Versprechen von Gleichheit und Teilhabe für alle tatsächlich einzulösen. Das bedeutet, institutionelle, kulturelle und soziale Barrieren abzubauen und neue Formen solidarischen Miteinanders zu fördern. Gerade angesichts gesellschaftlicher Krisen und Polarisierung ist es wichtig, die Resilienz und Innovationskraft der Zivilgesellschaft zu stärken.
Die Zukunft der postmigrantischen Gesellschaft liegt darin, Vielfalt als demokratische Ressource zu begreifen und aktiv zu gestalten. Migration ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung für eine gerechte und offene Gesellschaft. Die Aufgabe bleibt, Räume zu schaffen, in denen alle Menschen mitgestalten und dazugehören können.
Marlen Schiefer und Luca Obermann haben beide einen Bachelor in Sportwissenschaften absolviert. Schon dort setzten sie sich mit Fragen von Körper, Bewegung und Gesundheit in ihren sozialen und kulturellen Kontexten auseinander. Aus diesem Interesse heraus entstand der Wunsch, die Perspektive noch stärker um gesellschaftliche und soziologische Dimensionen zu erweitern. Daher entschieden sie sich für den Master Gender, Kultur und Sozialer Wandel an der Universität Innsbruck, um ihr Wissen interdisziplinär zu vertiefen und in größere Zusammenhänge von Ungleichheit, Teilhabe und sozialem Wandel einzubringen.
- Hahn, Sylvia: Österreich, in: Bade, Klaus J. / Emmer, Pieter C. / Lucassen, Leo / Oltmer, Jochen (Hg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Paderborn, München 2010, 171-188. [↩]
- Foroutan, Naika: Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie. Bielefeld 2019. [↩]
- Statistik Austria: Migration & Integration. Zahlen, Daten, Indikatoren 2025 (Statistisches Jahrbuch), 59. [↩]
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Marlen Schiefer, Luca Obermann (7. November 2025). Postmigrantische Gesellschaft: Zugehörigkeit in Österreich neu denken. Migration and Belonging. Abgerufen am 13. September 2026 von https://doi.org/10.58079/1543h
