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Zwischen gestern und heute: Mein Leben als Enkelkind türkischer Arbeitsmigrant:innen

Ein Gastbeitrag von Dilay Taskin

„Als deine Großmutter damals in den 1970er Jahren aus der Türkei nach Österreich kam, kannte sie niemanden und sprach kein Wort Deutsch.“ Diese Worte begleiten mich seit meiner Kindheit und erzählen von einer Erfahrung, die viele türkische Arbeitsmigrant:innen in Österreich teilen. Meine Großmutter Hatice Çelikel, die in einer ländlichen Region Anatoliens aufgewachsen war, hatte ihr bisheriges Leben dort verbracht und wagte schließlich den Schritt in ein unbekanntes Land, um ihrer Familie eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Arbeitsmigration: Historischer Kontext und Begriffserklärung

Oft wird für die Menschen, die in den 1960er und 1970er Jahren zum Arbeiten nach Österreich kamen, der Begriff „Gastarbeiter:innen“ verwendet. Dieser Begriff war politisch geprägt und suggerierte, dass die Menschen nur vorübergehend im Land bleiben würden, obwohl viele dauerhaft hier lebten und Familien gründeten. Deshalb verwende ich im Folgenden bewusst den Begriff Arbeitsmigrant:innen, möchte aber gleichzeitig darauf hinweisen, dass die Bezeichnung „Gastarbeiter:innen“ Teil des damaligen gesellschaftlichen Diskurses war.

Philipp Ther beschreibt die Herausforderungen und Integrationserfahrungen von Arbeitsmigrant:innen in seinem Buch “Die Außenseiter”.1 Er betont, dass Integration nicht nur von den Zugewanderten, sondern auch maßgeblich von der Aufnahmegesellschaft geprägt wird: „Integration geschieht nie einseitig, sondern ist immer ein wechselseitiger Prozess zwischen Mehrheitsgesellschaft und Zuwanderern“.2 Dieses Zitat trifft genau auf die Erfahrungen meiner Familie zu: Meine Großmutter und andere Arbeitsmigrant:innen bauten Netzwerke auf, um Isolation zu überwinden und in der Gesellschaft Fuß zu fassen.

Alltag und Vorstellungen von Geschlecht

Meine Großeltern arbeiteten beide Vollzeit als Hilfsarbeiter:innen in einer Weberei. Meine Großmutter kam zunächst allein nach Österreich und holte nach einem Jahr meinen Großvater nach Telfs, Tirol. Ich bewundere ihren Mut, denn damals hatten Frauen eine andere gesellschaftliche Rolle, die vor allem durch Familie und Haushalt geprägt war.

Auch Sylvia Hahn zeigt, dass Frauen in der Migrationsgeschichte lange Zeit kaum Beachtung fanden. Die historische Forschung konzentrierte sich überwiegend auf männliche Erwerbsmigration, während weibliche Migrationsformen, Alltagspraktiken und soziale Netzwerke weitgehend unbeachtet blieben.3 Das zeigt sich auch in der Geschichte meiner Großmutter, deren Arbeit, Entbehrungen und Anpassungsleistungen kaum öffentlich anerkannt wurden, obwohl sie maßgeblich zum Wohlergehen ihrer Familie beitrug.

Widerstände und Identitätsfragen

Schwarz-weiß-Foto einer Frau mit weißem Kopftuch an einer Webmaschine in einer Tiroler Fabrik, aufgenommen in den 1970er Jahren.

Weberei Schindler in Telfs, Österreich, ca. 1973, Familienarchiv Çelikel (privat; nicht gemeinfrei)

Meine Großmutter erzählte oft von den Anfangsschwierigkeiten in Österreich: Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und Vorurteile waren ständige Begleiter ihres Alltags. Dennoch schaffte sie es, sich durch harte Arbeit und ein stabiles soziales Netzwerk einen Platz in der österreichischen Gesellschaft zu erkämpfen. Ihre Geschichte, geprägt von Entschlossenheit und Widerstandskraft, ist beispielhaft für viele Arbeitsmigrant:innen jener Zeit.

Für mich, als Enkelkind türkischer Arbeitsmigrant:innen, bedeutet diese Familiengeschichte eine ständige Auseinandersetzung mit meiner Identität. Ich befinde mich oft zwischen zwei Welten: der österreichischen Gegenwart und der türkischen Tradition. Diese doppelte Zugehörigkeit ist Herausforderung und Bereicherung zugleich – sie prägt meine persönliche und akademische Entwicklung.

Diese Reflexion bildet die Grundlage meiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Migration. Mich interessiert besonders, welche Rolle soziale und kulturelle Netzwerke bei der Identitätsfindung von Migrant:innen und ihren Nachkommen spielen. Ausgehend von der Geschichte meiner Großmutter als Pionierin in einer männlich dominierten Migrationsbewegung möchte ich den Blick auf weibliche Perspektiven, familiäre Strategien und transgenerationale Zugehörigkeit richten.

Die Erfahrungen meiner Großmutter und vieler anderer Arbeitsmigrant:innen zeigen, wie Migration und Integration die österreichische Gesellschaft geprägt und bereichert haben. Ihre Geschichten verdienen Anerkennung und sollten als Beiträge zur gesellschaftlichen Entwicklung wahrgenommen werden.

 

Dilay Taskin ist Masterstudentin im Studiengang „Gender, Kultur und sozialer Wandel“ an der Universität Innsbruck. Ihre Forschungsinteressen sind Migration, transnationale Identitäten und intergenerationelle Perspektiven. Als Enkelkind türkischer Arbeitsmigrant:innen verbindet sie persönliche Erfahrungen mit wissenschaftlicher Reflexion.

 

  1. Ther, Philipp: Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa. Berlin 2017. []
  2. Ebd., 340. []
  3. Hahn, Sylvia: Migration – Arbeit – Geschlecht. Arbeitsmigration in Mitteleuropa vom 17. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Göttingen 2008, 15-16. []

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Dilay Taskin (17. Oktober 2025). Zwischen gestern und heute: Mein Leben als Enkelkind türkischer Arbeitsmigrant:innen. Migration and Belonging. Abgerufen am 12. September 2026 von https://doi.org/10.58079/14z3r


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